Sich inneren Anteilen zuwenden

Innere Anteile brauchen Zuwendung

Wenn ich mich „Fetti“ und „Klothilde“ zuwenden will, gelingt mir das am besten, wenn ich mir ein Kissen schnappe und es fest umarme. Dann drücke ich es an mich, schließe die Augen und versuche mit meinen Gefühlen in Kontakt zu kommen.

Ich spüre, wie der der kleine „Fetti“, der mit meinem 5-jährigen Ich verschwimmt, sich nach einem kuscheligen Rückzugsort sehnt, an dem er sich fallen lassen kann, sich warm, sicher und geborgen fühlt. Ein Ort, an dem er nicht stark sein muss, sich nicht selber halten muss, sondern getragen und aufgefangen wird von vielen weichen Kissen. Er ist müde. Müde vom starksein.

Mein Magen reagiert mit einem starken Druckgefühl, das fordernd und sehnend ist, mit dem Verlangen nach fluffigem, weichem Fladenbrot, das ich in letzter Zeit ständig essen könnte. Ich spüre viel zu viel Magensäure und wünsche mir, dass das weiche Magenbrot sie aufsaugen möge. Ich gebe dem Verlangen nach. Ich versuche langsam und achtsam zu essen und in mich hineinzuspüren. Wie fühlt sich das weiche Fladenbrot in meinem Mund an? Wie in meinem Magen? Auf eine gewisse Art erfüllt es seinen Zweck. Ich spüre, wie ich mit dem Fladenbrot (Ich will immer Magenbrot sagen), die unangenehmen Gefühle und die Sehnsucht hinunterschlucke. Die Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Gehaltensein. Ich fühle Trauer aufsteigen, beginne meine Schultern zu lockern (mit einer Übung von Korinna Söhnholz, einer Osteopathin, die diese Übung lehrt, um Trauer, die oft in den Schultern sitzt, zu lösen). Sogleich kommt der Impuls mir mehr Fladenbrot (Magenbrot) hineinzustopfen. Und ich tue es, bis das Stück Fladenbrot, das wir noch zuhause hatten, aufgegessen ist. Wäre es mehr gewesen, hätte ich das Gefühl/ die Sehnsucht damit betäuben können. Irgendwann wäre es von dem unangenehmen Völlegefühl abgelöst worden.

Doch so bleibt ein Rest der Trauer und Sehnsucht. Und das ist gut so. Denn „weghaben wollen“ und „hinunterschlucken“ von Gefühlen ist eine Kompensationsstrategie. Es geht darum hinzuspüren, Gefühle da sein zu lassen. Sie nicht zu bewerten, sondern anzunehmen. Und ihre Botschaft zu verstehen. Was möchte das Gefühl mir sagen?

Die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, sich fallen lassen können – nach sicherer Bindung – konnte für mein 5-jähriges Ich nicht ausreichend erfüllt werden. Zu dieser Zeit bin ich mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder von einer Wohnung in das Elternhaus meines Vaters umgezogen. Ich kam in die Schule und wurde dabei emotional nicht so begleitet, wie ich es gebraucht hätte. Damals hatte „Fetti“ eine wichtige Funktion. Er half mir auszuhalten, was ich mit den Fähigkeiten einer 5-Jährigen nicht anders zu bewältigen wusste.

Doch heute darf ich es anders machen. Heute habe ich andere Möglichkeiten, Fähigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung. Und vielleicht stellst du an dieser Stelle fest: hier beginnt dein bewusster Handlungsspielraum: im Hier und Jetzt! Und auch das ist ein wichtiger Schritt im Prozess! Das ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion. Wenn er uns erst einmal bewusst ist.

Wenn du weißt, dass dein Essverhalten dir zeigt, dass du dich nach Liebe, Geborgenheit und „Gehalten werden“ sehnst, darfst du dich auf den Weg machen, genau das JETZT in dein Leben zu bringen.

Es ist gut möglich, sogar sehr wahrscheinlich, dass du dich auch heute in ähnlichen Beziehungsdynamiken wiederfindest wie damals und dass die Umsetzung daher viel Aufmerksamkeit und Bewusstsein – ja Arbeit– bedeutet.

Denn das Bekannte verspricht Sicherheit. In den uns bekannten Strukturen, wissen wir, dass unsere Kompensationsstrategien funktionieren. Wir haben gelernt darin zu überleben und suchen deshalb die uns bekannten Muster.

Was du tun kannst: eine sehr heilsame Erfahrung kann sein, dass du in Gedanken zu deinem 5-jährigen Kind-Ich zurückreist und dich als dein liebevolles Erwachsenen-Ich um es kümmerst. Ich z.B. habe noch einmal mein Kissen umklammert und dabei mein früheres Ich auf dem Schulweg gesehen, wie es sich sehr allein gefühlt hat. Am liebsten hätte es sich mit einem Kissen auf dem Gehweg zusammengekauert. Da kannst du als dein Erwachsenen-Ich zu diesem Kind gehen, es mit einem Kuschelkissen versorgen und in eine Decke einhüllen und auf deinen Arm nehmen. Mit ihm sprechen und ihm all die liebevollen Dinge sagen, die es hören muss und es nach Hause tragen.

Du kannst auch mit seinen Eltern sprechen und ihnen sagen, was dieses Kind gerade braucht, wenn du das als hilfreich empfindest.

Versuche auch auf körperlicher Ebene diese Erfahrung nachzunähren. Leg dich auf ein Kissen, hülle dich mit einer kuscheligen Decke ein und tauche ein in das Gefühl, das du damals gebraucht hättest. Wie hätte es sich angefühlt, wenn da ein starker Erwachsener gewesen wäre, an den du dich hättest anlehnen und ankuscheln können, der dir Sicherheit und Geborgenheit geschenkt hätte, der deine kindlichen Bedürfnisse und deine Ängste gesehen und verstanden hätte?

Spüre hinein in dieses Gefühl von „gehalten werden“. Wie fühlt sich dein Körper an? Wo kann er loslassen und entspannen? Und verankere die Bilder von diesem Gehalten und geliebt werden in deinem Kopf.

Dieser liebevolle Erwachsene, der deine Bedürfnisse sieht und umsorgt, kann eine wichtige Figur an deinem sicheren, geborgenen inneren Ort werden. Vielleicht möchte er dort einziehen? Vielleicht gibt es auch an deinem inneren, geborgenen Ort ein kuscheliges Kissen und Decken, ein Bett etc. in das ihr euch zurückziehen könnt? Und vielleicht will auch dein 5-jähriges Ich an diesen sicheren, geborgenen Ort mitkommen?

Ich für mich merke, dass ich wieder einen Schritt im Prozess weitergekommen bin, dass er aber noch nicht abgeschlossen ist. Auch Klothilde braucht noch Zuwendung und zum ersten Mal zeigt sich hinter ihr noch ein schlankes blondes Mädchen mit langen Haaren, das noch etwas schüchtern, aber doch zuversichtlich einen Platz hinter „Fetti“ und „Klothilde“ hat. Sie heißt Bella… irgendwann werde ich bis zu ihr vordringen. Wenn auch Klothilde genug Beachtung erfahren hat, so wie Fetti heute… vielleicht ist es dann soweit.