Arbeitsweise
Wie eine traumasensible Sichtweise helfen kann
Ich selbst habe ziemlich lange dafür gebraucht herauszufinden, dass Trauma ein Thema sein könnte, das Einfluss auf mich und meinen Alltag hat. Mein Lebenslauf war nicht ganz geradlinig – irgendwann erschien er mir eher ziemlich holprig: mit 19 war ich schwanger und habe das Gymnasium in der 12. Klasse abgebrochen. Meine erste Beziehung mit dem Vater meines Sohnes war schwierig und hielt nicht lange. Dennoch habe ich meine Ausbildung zur Erzieherin als alleinerziehende Mama erfolgreich gemeistert und bin doch irgendwie im Leben angekommen. Bauchschmerzen, innere Unruhe, Ängste und stille Panikattacken waren mal mehr, mal weniger ein Thema. Und ließen mich immer wieder nach Antworten suchen, auf Fragen, für die mir bisweilen die Worte fehlten. Irgendwann bin ich über das Buch „Auch alte Wunden können heilen“ von Dami Charf gestolpert. Darin erkannte ich mich ein Stück weit wieder. Es ging um frühes Trauma.
Doch was ist das eigentlich? Frühes Trauma? Schließlich ist ja nichts „weltbewegendes“ passiert als ich klein war, niemand ist gestorben, es gab keinen Krieg, keine Naturkatastrophen, nichts.
Trauma ist die Folge von Stress, von Stress, der so groß ist oder so lange anhält, dass unser Körper ihn nicht verstoffwechseln kann. Dieser Stress kann schon während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder auch danach auftreten. Die natürliche Antwort unseres Körpers auf Stress ist, dass unser Nervensystem Energie mobilisiert. Diese Energie wenden wir auf, um uns Hilfe von anderen zu holen, um aus der Situation zu fliehen oder um zu kämpfen.
Wenn wir sehr klein sind, haben wir keine Möglichkeit zu fliehen oder zu kämpfen.
Wir sind in stressreichen Situationen darauf angewiesen, dass sich andere Menschen uns zuwenden und unser Nervensystem co-regulieren. Das ist es, was Eltern tun, wenn sie ihr Baby zu beruhigen versuchen, es tragen, schaukeln und wiegen, es bei Hunger mit Nahrung versorgen und liebevoll in den Schlaf begleiten.
Auch wenn wir älter werden, aber noch lange nicht sprechen können, brauchen wir Hilfe um unseren Stress, unsere mobilisierte Energie, unsere Emotionen und Gefühle zu regulieren. Findet diese Co-Regulation nur unzureichend statt, bleiben unsere Empfindungen und Gefühle zu oft ohne adäquate Antwort, kann die aufgebrachte Energie nicht abgebaut werden und unser Nervensystem lernt nicht hinreichend in einem natürlichen Wechsel aus Anspannung und Entspannung zu schwingen. Ich habe meine Bachelorarbeit über gewaltfreie Erziehung geschrieben und bin dazu tief in die Geschichte eingetaucht, deshalb möchte ich an dieser Stelle unbedingt darauf hinweisen, dass die mangelnde emotionale Begleitung von Kindern und die daraus resultierenden Folgen ein transgenerationales Thema sind, das viel mit den Weltkriegen zu tun hat und wenig mit individuellem „Versagen“. Schuld und Scham stehen dem ehrlichen Hinschauen hier manchmal im Weg. Doch der systemische Blickwinkel der Neurosystemischen Integration hilft auch damit zu arbeiten und voranzukommen.
Unter gesunden (Rahmen-)Bedingungen kannst du dir dein Autonomes Nervensystem so vorstellen:
In einem gewissen Bereich, der nicht bei jedem Menschen gleich ist, sondern von individuellen Faktoren abhängt, dem sog. Stresstoleranzfenster oder auch Window of tolerance (nach Daniel Siegel) schwingt unser Nervensystem zwischen Anspannung und Entspannung. Der Sympathikus ist dabei für das Mobilisieren von Energie verantwortlich und der Parasympathikus sorgt für Entspannung. Leben wir mit einem regulierten Nervensystem fällt uns der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung leicht, er funktioniert ganz automatisch und wir geraten eher selten „darüber hinaus“. Vielleicht bemerken wir bei einem Zahnarztbesuch oder anderen Ausnahmesituationen, dass wir uns aktiv darum bemühen müssen unseren Stresspegel herunterzufahren und nehmen die körperlichen Symptome der Übererregung deutlich war. Doch unsere Fähigkeiten zur Selbstregulation reichen aus, um uns zu beruhigen und die Situation zu meistern. Vielleicht machen wir dazu ein paar Atemübungen, reden uns selbst gut zu oder machen anschließend einen kleinen Spaziergang, um die im Körper mobilisierte Energie wieder abzubauen.
Das Stresstoleranzfenster (Window of tolerance) nach Daniel Siegel:

Ein Autonomes Nervensystem, das tatsächlich so regelmäßig und gleichmäßig zwischen Anspannung und Entspannung wechselt, ist natürlich nur ein Idealbild, das dir helfen kann, dir einen gesunden Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung zu verdeutlichen. Vielleicht hilft dir das Bild, wenn du dir selbst die Frage stellst: „Wo befinde ich mich gerade? Bin ich innerhalb meines Stresstoleranzfensters und bin ich eher aktiviert oder entspannt?“ Und es kann dir helfen Über- und Untererregung deines Nervensystems besser zu erkennen. Die einzelnen Nervenzellen deines Nervensystems kommunizieren durch elektrische Impulse miteinander. Vielleicht denkst du kurz daran, wenn du dir die Über- oder Untererregung in diesem System vorstellst. Jeder Sinneseindruck, jeder Gedanke, jede Emotion – all das passiert in unserem Nervensystem.
Es ist völlig normal, dass unser Nervensystem den ganzen Tag über wild in unserem Stresstoleranzfenster hin- und her manövriert und auf die Anforderungen unseres Alltags reagiert. Aber schon an dieser Stelle einmal die gute Nachricht für dich: wir können darauf ganz gezielt Einfluss nehmen! Und das kann richtig viel verändern! 🙂
Es ist auch völlig normal, dass uns immer wieder Situationen begegnen, die uns ordentlich nach oben aus unserem Stresstoleranzfenster herausholen: die aufgeschlagene Lippe des Kindes, ein Auto, das viel zu schnell heranfährt, als wir die Straße überqueren wollen oder ein unerwarteter Bußgeldbescheid. In vielen Situationen können wir nicht lange überlegen, sondern müssen aktiv werden. Unser Nervensystem mobilisiert dann Energie, damit wir je nach Situation bei anderen Menschen Unterstützung suchen, fliehen oder kämpfen können, um keinen Schaden zu nehmen. Genau diese Aktivierung mit allen damit verbundenen Reaktionen in unserem Körper, z.B. der beschleunigten Atmung oder der Anspannung der Muskeln, kennen wir als Stressreaktionen. Diese sind in den entsprechenden Situationen absolut sinnvoll und nützlich und dienen uns und unserem Überleben. Haben wir uns erfolgreich Hilfe geholt oder konnten der Situation durch Flucht oder Kampf entkommen, klingen die körperlichen Stressreaktionen anschließend ab. Auch ein Spaziergang oder ein Gespräch über das Erlebte können dabei helfen die aufgebrachte Energie zu verstoffwechseln. In dieser Form ist Stress nichts was uns schadet oder krankmacht. Ganz im Gegenteil. Die Stressreaktionen, die in unserem Körper ablaufen, helfen uns dabei die Anforderungen unseres Alltags zu bewältigen und anschließend wieder in den Bereich unseres Stresstoleranzfensters zurückzufinden.

Anders sieht es aus, wenn wir in eine Situation geraten, in der unsere Bewältigungsmechanismen nicht ausreichen, um mit der Situation umgehen zu können. Wenn sich das Kind nicht nur die Lippe aufschlägt, sondern tödlich verunglückt, wenn das Auto mit solch einer Geschwindigkeit auf uns zurast, dass es uns erfasst und ernsthaft verletzt, wenn nicht nur ein Bußgeldbescheid ankommt, sondern der finanzielle Ruin droht. All das sind Situationen, die wir schnell als traumatisch bewerten können. In solchen Situationen reicht es nicht aus, dass andere Menschen sich uns zuwenden, durch fliehen oder kämpfen sind wir der Situation nicht entkommen. Bei schweren Unfällen, bei Kriegserlebnissen, bei Gewalterfahrungen verwenden wir alle den Begriff Trauma und verbinden damit, dass das was passiert ist, nicht so einfach verarbeitet werden kann und uns immer wieder einholt.
Eine traumatische Situation, ist eine Situation in der die Energie, die unser Körper mobilisiert hat, nichts gebracht hat oder nicht ausgereicht hat, um uns wieder in Sicherheit zu bringen. Je nach dem wie alt wir sind und welche Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, ist es ganz individuell wann eine Erfahrung traumatisch ist. Ein Baby z.B. kann weder fliehen noch kämpfen und unser Überleben hängt in unseren ersten Lebensjahren ständig und ganz natürlich von dem Verhalten anderer Personen ab. Unser Körper wird in jeder Situation, die er als gefährlich oder gar lebensgefährlich einstuft, alle ihm zur Verfügung stehende Energie aufwenden, um unser Überleben zu sichern. Diese mobilisierte Energie wird solange aufrecht erhalten, bis es für unser System nicht mehr länger möglich ist und dann „fallen“ wir in die Untererregung. Auch das ist Teil der Traumareaktion.

Erfahren wir ausreichend Co-Regulation, so finden wir auch nach solch stressreichem Erleben zurück ins Stresstoleranzfenster, in den Bereich in dem unser Nervensystem schwingungsfähig ist, den Wechsel aus Anspannung und Entspannung tolerieren kann und wir keine Symptome der Über- oder Untererregung spüren. Gerade bei Menschen, die von einer einzelnen traumatischen Erfahrung betroffen sind, ein sog. Monotrauma erlebt haben, gelingt es einem Teil durchaus dieses nachträglich so zu verarbeiten, dass keine Traumafolgen entstehen.
Traumatische Erlebnisse können einmalige Erlebnisse sein, aber auch mehrere und gerade wenn sie die eigene Kindheit betreffen viele unterschiedliche. Dann können auch die Traumafolgen komplex sein.
Traumafolgen erkennen wir daran, dass das Nervensystem nicht mehr in den Schwingungsbereich innerhalb des Stresstoleranzfensters zurückfindet. Bei sehr frühem Trauma kann sich dieser Bereich überhaupt sehr eng anfühlen und die Personen geraten für nicht von Trauma Betroffene in anscheinend völlig harmlosen Situationen in Stress und zeigen entsprechende Reaktionen.
Symptome der Übererregung können sein: innere Unruhe, Anspannung, Ängste, Panik uvm.,
Symptome der Untererregung können sein: Antriebslosigkeit, tiefe Erschöpfung, anhaltende Müdigkeit, depressive Symptome, Burnout
Manche Nervensysteme bleiben lange Zeit am oberen Rand des Stresstoleranzfensters und in ständiger Alarmbereitschaft, das kostet uns viel Energie und kann auch zu chronischen Krankheiten führen. Es kann auch lohnend sein sich Diagnosen wie ADHS oder Hochsensibilität aus dieser Perspektive anzuschauen.
Andere erleben einen ständigen Wechsel zwischen Über- und Untererregungsphänomenen. Sie funktionieren den ganzen Tag unter erhöhter Anspannung und sinken danach tief erschöpft aufs Sofa. Wirkliche Entspannung stellt sich dabei jedoch nicht ein.

Für viele von uns ist daher Entspannung ein wichtiges Thema.
Ganz wichtig dabei ist zu verstehen, dass Traumafolgen keine Störung sind (auch wenn es Posttraumatische Belastungsstörung heißt), sondern eine unglaubliche Anpassungsleistung unseres Körpers, die unser Überleben sichert. Und es gibt Wege zu mehr Regulation zurückzufinden.
Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, dann melde dich gerne bei mir!
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