Der sichere Ort

Um mit inneren Anteilen arbeiten zu können, ist es wichtig einen sicheren Ort in unserem Inneren zu erschaffen. Unsere Phantasie ist eine großartige Ressource und kann uns helfen für all das, was wir uns sehnlichst wünschen, einen Raum zu schaffen.

Trauma zerstört Sicherheit. Deshalb dürfen wir uns Stück für Stück diese Sicherheit zurückerobern. Gerade wenn wir keine ausreichend sicheren Bindungserfahrungen gemacht haben und dieses Urvertrauen ins Leben und in andere Menschen nicht kennen, hilft uns unsere Phantasie einen solch sicheren, geborgenen Ort entstehen zu lassen. Denn genauso wie jeder von uns einen unversehrten inneren Kern in sich trägt, tragen wir auch die Gewissheit in uns, dass es Sicherheit und Geborgenheit gibt.

Nimm dir etwas Zeit deinen inneren sicheren Ort entstehen zu lassen. Vielleicht möchtest du dich dazu erst einmal einen Moment hinsetzen oder -legen und die Augen schließen. Wenn es dir schwer fällt dir Dinge vorzustellen, dann beginne damit in deinen Gedanken Orte aufzusuchen, an denen du schon gewesen bist oder die du auf Abbildungen gesehen hast und die dir gut gefallen haben. Vielleicht denkst du an einen vergangenen Urlaub oder an ein Reiseziel, das du mal gesehen hast. Vielleicht möchtest du ein wenig im Internet auf die Suche nach schönen Orten gehen. Auch das ist eine Möglichkeit.

Und vielleicht kommt schnell der Gedanke auf: ich fühle mich nirgendwo sicher. An keinem Ort der Welt. Denn das Gefühl von innerer Unruhe und mangelnder Sicherheit begleitet mich überall hin.

Dann nimm diesen Gedanken und dieses Gefühl an. Lass es da sein. Im Hier und Jetzt fühlt es sich so an, dass kein Ort auf der Welt sicher sein kann, weil du das Gefühl von Sicherheit in deinem Körper nicht spüren kannst.

Dann darfst du vorsichtig auf die Suche gehen. Gibt es einen Ort in deinem Körper, der sich neutral anfühlt? Nicht direkt sicher, aber auch nicht unsicher. Dein Ohrläppchen vielleicht? Oder der kleine Zeh? Richte deine Aufmerksamkeit dort hin und versuche ein wenig dort zu verweilen. Wie fühlt sich diese Neutralität an. Ein Ort ohne Unruhe, ohne Schmerz? Ein wenig taub vielleicht… unscheinbar? Und doch angenehmer als die Unruhe, die sich vielleicht in deinem Bauch breit macht? Dann pendel ein wenig zwischen diesen beiden Orten hin und her. Wann immer du die Unruhe und Unsicherheit in dir wahrnimmst, versuche zurückzukehren an den Ort, an dem du ein neutrales Gefühl wahrnehmen kannst, an deinen kleinen Zeh oder an dein Ohrläppchen z.B.

Und nun versuchen wir an diesem Ort eine kleine neutrale Insel zu erschaffen, einen Ort an dem etwas mehr Ruhe und Sicherheit entstehen darf, als in deiner Körpermitte. Der Ort darf sich in den nächsten Tagen und Wochen ausbreiten, vielleicht wird er sich verändern, wachsen oder einen neuen Standort wählen. Alles ist möglich.

Für den Moment aber, darfst du mit deiner Aufmerksamkeit an diesen winzigen Ort der Neutralität und Ruhe zurückkehren. Vielleicht spürst du in deinen kleinen Zeh hinein und findest eine Assoziation, die dazu passt, z.B. das Gefühl von Sand unter deinen Füssen. Ist der Sand angenehm warm oder erfrischend und kühl? Versuch ein wenig einzutauchen in dieses Gefühl.

Vielleicht ist der neutrale Ort in deinem Ohrläppchen und du kannst damit einen kühlen Windhauch assoziieren, der dich sanft streift und deine Wange berührt. So kannst du das Bild von deinem sicheren Ort Stück für Stück, langsam und behutsam aufbauen. Vielleicht kannst du erkennen was um den Sand herum entstehen mag, wenn du sanft den Blick schweifen lässt. Vielleicht erblickst du einen Strand oder der sanfte Windhauch trägt dich in einem Segelboot aufs Meer hinaus. Wann immer das Gefühl von Unruhe unangenehm zurückkommt, nimmst du es wahr ohne es zu verurteilen und pendelst zurück an den Ort von Neutralität, nimmst deinen kleinen Zeh oder dein Ohrläppchen war und verweilst dort noch einmal kurz.

Diese Übung kannst du immer wieder wiederholen und so mit der Zeit deinen inneren sicheren und geborgenen Ort entstehen lassen. Sei geduldig und nimm dir dafür alle Zeit, die du brauchst. Immer wieder. Es muss nicht schnell gehen.

Wenn du es eilig hast, geh langsam.

und

The slower you go, the faster you grow.

Ich habe es lange nicht geglaubt, aber da ist viel Wahres dran. Wir können viele Schritte im Prozess nicht überspringen, um schneller voranzukommen. Der Weg wird uns dann nur immer wieder dorthin zurückführen. Also können wir auch gleich, hier und jetzt, an dieser Stelle langsam machen und uns die Zeit nehmen, die es braucht, bis wir einen Ort in unserem Inneren geschaffen haben, der für den Moment ausreichend sicher ist und uns die Möglichkeit gibt dort hinzukommen, wenn wir eine Pause brauchen und auftanken wollen.

Mit der Zeit wird sich dieser Ort weiter verändern. Es werden Dinge hinzukommen. Vielleicht auch ein (Fantasie-)Tier, z.B. ein Golden Retriever, der all deine Gefühle mutig erträgt, dem du sanft über den Kopf streicheln kannst und an dessen Fell du dich ausweinen kannst.

Dein sicherer, geborgener Ort wird genauso werden, wie du ihn brauchst.

Wichtig ist nur, dass du dir die Zeit dafür nimmst.

Falls sich mal Menschen aus deinem wahren Leben an deinen sicheren Ort verirren wollen, dann weise sie gerne darauf hin, dass dies dein sicherer, geborgener Ort in deiner Phantasie ist, der nur dir gehört. Teile ihn mit Fantasiefiguren und -tieren, die dir guttun, aber halte ihn frei von realen Szenen aus der Vergangenheit und von realen Personen. Dieser Ort gehört nur dir! Hier kannst du ein wärmendes Feuer anzünden, ein Kuschelnest oder -Bett nur für dich, deinem wahren Wesen und unversehrten Kern eine Gestalt geben. Dein wahres Wesen oder dein unversehrter Kern, kann hier als Licht oder Wärme spürbar sein, er kann aber auch in Gestalt eines Menschen, Tieres oder anderen Wesen ein tatsächliches Gegenüber sein, mit dem du sprechen kannst, dich anlehnen oder ankuscheln kannst, dem du in die Augen sehen kannst, was auch immer. Wichtig ist nur, dass es keine reale Person aus deiner Umwelt ist, sondern ein Teil von dir, der deiner Phantasie entspringt.

Dein sicherer Ort ist in dir. Mit der Zeit wird er in dir einen festen Platz finden. Vielleicht in deinem Herzen… oder wo auch immer es sich dann stimmig anfühlen wird. Und all deine inneren Anteile werden Zutritt dazu bekommen. Nicht nur dein unversehrter Kern. Darauf darfst du dich freuen!

Bis dahin, kehre immer wieder an deinen neutralen Ort, in deinem Körper zurück und nimm dir immer wieder mal kurz Zeit, dass dein sicherer, geborgener Ort Raum für sich gewinnen kann!

Ich würde mich sehr freuen, wenn du mir davon erzählst, wie dein sicherer Raum aussieht, wie er anfängt Gestalt anzunehmen und wie es dir damit ergeht!

Deine Isabella

Isabella Epple