Blogartikel 4
Die Identifikation mit inneren Anteilen
Nachdem ich bei der Arbeit mit meinen inneren Anteilen auf Fetti und Klothilde gestoßen war, konnte ich ihnen nicht mehr so leicht aus dem Weg gehen.
D.h. Fetti ließ erstmal nichts mehr von sich hören.
Doch Klothilde war nun immer häufiger präsent und auch mein Essverhalten veränderte sich. Ich verfiel in alte Muster, von denen ich geglaubt hatte, sie eigentlich längst hinter mir gelassen zu haben. Ich aß ungesünder, häufiger und vor allem mehr als sonst. Mein Sättigungsgefühl konnte ich nicht gut wahrnehmen und so meldete der Magen nach dem Essen häufig ein unangenehmes Völlegefühl. Das war mir lange nicht mehr passiert. Ich aß aus Gründen, die nichts mit körperlichem Hunger zu tun hatten. Und obwohl mir das bewusst war, kam ich nicht dagegen an. Das war frustrierend. Und auch diesem Gefühl begegnete ich mit Essen.
Mir war klar, dass es mit Klothilde zu tun hatte. Doch die Strategie, ihr so lange Schokoriegel anzubieten, bis sie mir klar gemacht hatte, dass sie eigentlich gesehen werden wollte in ihrem Schmerz, hatte ich schon beinahe wieder vergessen. Auch mein Mitgefühl ihr gegenüber, das schon einmal aufgekeimt war, war wieder verschwunden.
Stattdessen war ich wütend auf sie. Ich konnte sie nicht leiden. Und ich wollte, dass sie wieder verschwand. Am besten so schnell, wie sie aufgetaucht war. Denn ich hatte keine Lust zuzunehmen und ich fühlte mich einfach nicht wohl in meiner Haut.
Ich zerriss Klothilde gedanklich in zwei Teile:

Und obwohl ich es eigentlich längst hätte wissen müssen, machte ich die Erfahrung:
Was wir loshaben wollen, wird mehr!
Das gilt für körperliche und psychische Symptome, für Übergewicht und für innere Anteile und für vieles andere mehr.
Klothilde war größer und präsenter, denn je zuvor. Ich aß noch mehr Ungesundes und noch häufiger und fühlte mich noch schlechter damit.
Das verstärkte wiederum meinen Hass auf Klothilde und so befand ich mich in einem elenden Teufelskreis.
Das dauerte ein paar Tage oder eher Wochen. Und das ist etwas, was bei der Arbeit mit inneren Anteilen passieren kann und meiner Erfahrung nach gar nicht so selten. Wir „plumpsen“ in alte Verhaltensmuster. Verena König spricht vom Sog, den solche (alten) Traumastrudel auslösen können. Nicht immer gelingt es uns, von unserem wahren Wesen aus, auf diese verletzten Anteile zu blicken, Mitgefühl mit ihnen zu haben und sie als der Erwachsene, der wir heute sind zu versorgen. Das dürfen wir üben. Und mit einer traumasensiblen Begleitung ist das um einiges einfacher als allein. Die Problematik sich für einige Zeit mit einem solchen inneren Anteil zu identifizieren, besteht und je nach Art des Anteils auch die Gefahr einer Retraumatisierung. Deshalb: wenn du das Gefühl hast bei der Arbeit mit inneren Anteilen irgendwie festzustecken oder nicht weiter zu kommen, dann versuche immer dich auf die Sichtweise deines wahren Ichs zu besinnen.
Frage dich dazu: Wie würde mein wahres Ich, die beste und gesündeste Version meiner Selbst mit dieser Situation umgehen? In meinem Fall: wie würde mein wahres Ich mit Essen umgehen, wie würde es mit Gefühlen umgehen etc.?
Ich habe mich auch gefragt: wie würde sich die beste und gesündeste Version von mir in ihrem Körper fühlen? Welches Körpergefühl hätte sie, womit würde sie sich wohl fühlen?
Und zu der Antwort gehörte auch, dass mein wahres Ich sich mit einem flachen Bauch am wohlsten fühlt. Meinen Bauch und das ungesunde Bauchfett darin, das ich jetzt in und an mir wahrnahm, gehörte nicht zu meinem wahren Ich.
Es gehörte zu Fetti und Klothilde. Das spürte ich. Wenn du eine Weile mit inneren Anteilen arbeitest, wirst du merken, dass es einen Unterschied macht, ob du dir Fragen aus deinem Verstand heraus zu beantworten versuchst oder ob du in dich und deinen Körper hineinspüren und wahrnehmen kannst, wie er sich (an)fühlt. Oft sind wir so abgeschnitten von unserem Körper und unserer Gefühlswelt, dass wir das erstmal üben dürfen.
Irgendwann fragte ich Fetti und Klothilde wozu ihnen das Bauchfett diente. Und sie waren sich einig, dass es sich für sie anfühlte wie weiche Kissen, in die man sich hineinkuscheln konnte.

Mit der Antwort hatte ich nicht gerechnet. Aber sie ergab Sinn. Fetti und Klothilde suchten Sicherheit. Sie suchten nach Geborgenheit, nach einem Ort für Rückzug, nach „sich gehalten fühlen“.
Und genau das brauchte es im Hier & Jetzt, im Innen & im Außen, damit Fetti und Klothilde wirklich gehen konnten bzw. sich wandeln konnten.
Korinna Söhnholz sagt „was sich zeigt, will gehen“. Innere Anteile zeigen sich uns, damit wir verstehen, warum sie entstanden sind, warum es damals keinen anderen Weg gab. Wenn wir damals das bekommen oder gehabt hätten, was wir wirklich gebraucht hätten, hätten sie nicht entstehen müssen. Sie sind es aber. Und wenn wir die Gründe dafür kennen, können wir im Heute anders damit umgehen und uns die Bedürfnisse, die dahinter liegen anders erfüllen. Und erst dann brauchen wir die Anteile so nicht mehr.
Dann können wir neue Nervenverbindungen knüpfen, neue Wege gehen und so geschieht Integration!
Noch ein kleiner Exkurs zum Abschluss dieses Artikels:
Vielleicht ergeht es dir irgendwann wie mir und bei der Arbeit mit inneren Anteilen kickt plötzlich der Perfektionismus. Plötzlich „muss“ jedes Kissen ausgemalt werden, die Zeichnungen oder Kollagen, die du zu deinen Anteilen anfertigst, sind nicht detailgetreu genug oder kommen deiner Vorstellung nicht nahe genug und du verlierst dich in der Umsetzung. Dann bist du einer neuen Schutzstrategie auf die Schliche gekommen. Auch der Perfektionismus will dich schützen. Vielleicht davor genauer hinzusehen oder davor ins Fühlen zu kommen. Auch dem Perfektionismus kannst du eine Gestalt geben, um mit ihm zu arbeiten. Oder aber: du bittest ihn erst einmal höflich auf die Seite zu treten.
