Wie kommt man denn nun mit seinen inneren Anteilen in Kontakt?
Ich möchte dir heute mal ein Beispiel dafür geben – anhand von emotionalem Essen.
Essen erfüllt häufig nicht nur den Zweck unseren körperlichen Hunger zu stillen und uns mit Energie zu versorgen, sondern es ist vom Beginn unseres Lebens an auch damit verknüpft emotionale Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn wir gestillt werden oder die Flasche bekommen, bekommen wir nicht nur Nahrung, sondern auch Zuwendung. Das ist gesund und richtig.
In jeder Familie und für jedes Baby sieht die Stillbeziehung zur Mutter oder das Gefüttert werden mit der Flasche anders aus und wir alle machen unterschiedliche Erfahrungen damit. Vielleicht möchtest du herausfinden, wie das bei dir war, als du klein warst. Wurde damals noch empfohlen das Baby nur zu festen Zeiten, in einem bestimmten Rhythmus mit Nahrung zu versorgen? Durftest du dein eigenes Hunger- und Sättigungsgefühl kennenlernen? Und dem auch vertrauen und nachgeben? Wurden deine Bedürfnisse wahrgenommen, ernstgenommen, verstanden und berücksichtigt? Was weißt du darüber?
Es dauert, bis wir selbstständig essen können und noch länger, bis wir selbst Einfluss nehmen können auf das, was uns als Nahrung angeboten wird.
Müssen wir essen was uns angeboten wird? Und wonach richtet es sich, wann wir etwas zu essen bekommen? Viele Fragen spielen eine Rolle, wenn wir unsere Beziehung zum Essen betrachten.
Ich weiß, dass Essen für mich auch die Funktion hat Gefühle herunterzuschlucken und mich mehr oder auch weniger zu spüren. Und dem wollte ich vor einiger Zeit mal nachgehen, als ich mich dabei beobachtet habe, wie ich nachmittags immer wieder etwas gegessen habe, obwohl ich ganz sicher keinen körperlichen Hunger hatte.
Ich habe mir dann einen ruhigen Moment auf der Terrasse gegönnt, mich in meine Hängematte gelegt, die Augen geschlossen und die Hand auf meinen Bauch gelegt und mir dann die Frage gestellt: „Wer in mir, hat gerade das dringende Verlangen, ständig etwas zu essen?“
Und wenn du dir die Zeit dafür nimmst, dann wirst du nach wenigen Versuchen feststellen, dass da tatsächlich Antworten aus deinem Unbewussten auftauchen werden.
Bei mir war die Antwort: „Fetti“. Und ich forschte vorsichtig weiter. „Wie sieht Fetti denn aus?“ Zunächst sah er etwa so aus:

Ein kleiner gelber, schwarz umrandeter Kerl, der fröhlich grinste.
Als ich ihn fragte, wie alt er etwa sei, antwortete er: „Fünf.“ Du wirst überrascht sein, wie schnell und klar manche Antworten aus deinem Unterbewusstsein auftauchen. Und du darfst dir immer wieder bewusst machen, dass es sich bei deinen inneren Anteilen um neuronale Netzwerke, also Nervenverbindungen handelt, die entstanden sind, als du tatsächlich etwa in dem Alter warst. Es geht dabei auch gar nicht so genau. Aber du hast einen Anhaltspunkt dafür, ob es ein älterer Anteil ist und dafür, wie lange er dich schon begleitet und auch dafür auf welche Zeit deiner Kindheit oder Jugend du nochmal einen genaueren Blick werfen darfst, um zu verstehen, woher Handlungsmuster kommen, die dich schon lange begleiten.
Ich fand heraus, dass „Fetti“ etwa in mein Leben kam als ich fünf Jahre alt war. Er war ein fröhliches, aufgewecktes Kerlchen und mochte so ziemlich alles an Lebensmitteln, er aß gern Spaghetti oder Pizza, knabberte auch gerne mal eine Karotte oder einen Apfel, er machte keinen Unterschied zwischen „gesunden“ und „ungesunden“ Lebensmitteln und Essen gab ihm ein gutes Gefühl. Er aß gerne und oft. Er achtete dabei nicht unbedingt auf Hunger und Sättigung. Essen half ihm sich zu spüren, brachte Abwechslung in seinen Alltag und er sah fröhlich aus.
Unsere inneren Anteile lassen sich in drei Kategorien unterteilen: in ressourcenreiche Anteile, in verletzte und verletzende Anteile. Zu den ressourcenreichen Anteilen gehören auch beschützende Anteile. Wir haben sie gebildet, um einen verletzten Anteil zu schützen. Beschützende Anteile stellen und z.B. Kompensationsstrategien zur Verfügung.
Ich hatte den Eindruck, dass „Fetti“ ein solch ressourcenreicher Anteil ist und ich fragte ihn, wen er beschützte bzw. wovor er mich schützen wollte. Und hinter ihm kam ein weiterer Anteil zum Vorschein. Erst nur sehr zaghaft. Und „Fetti“ wollte erst auch noch nicht so recht einen Schritt zur Seite machen, dass ich diesen Anteil sehen konnte. Dann dürfen wir besonders behutsam vorgehen und den beschützenden Anteil fragen, ob wir vielleicht mal einen Blick auf diesen verletzten Anteil werfen dürfen und ob er dazu vielleicht einen Schritt zur Seite treten könnte. Hinter „Fetti“ kam ein Mädchen zum Vorschein. Sie wirkte wie ein kleines Kind. Sie weinte fürchterlich. Aber ich konnte sie nicht hören. Sie hatte dunkle, rötlich, violette Haare und zwei Zöpfe, die ihr links und rechts vom Kopf abstanden. Als ich sie fragte, wie alt sie sei, antwortete sie 15. Sie wirkte deutlich jünger. Um sie herum, sah ich lauter Süßigkeiten, vor allem Kekse und Schokolade. Während sie noch immer heftig weinte, schob sie sich ab und zu einen Keks in den Mund und schluckte ihn mit wenigen, schnellen Bissen hinunter. Sie aß nur Süßigkeiten, am liebsten welche, die nach Schokolade schmeckten. Als ich sie fragte, warum, meinte sie: „Um den Schmerz nicht zu fühlen.“ Es ging, um den Schmerz nicht gesehen zu werden. Das wusste ich. Sie war pummelig. Nicht zu übersehen. Und sie wollte gesehen werden, aber auf keinen Fall so. Und „Fetti“ stellte sich vor sie, um sie zu schützen, vor den Blicken anderer. Um ihr Unwohlsein zu verbergen.
Weiter kam ich erst einmal nicht.
Ich wollte mich aber weiter mit den beiden beschäftigen, wenn ich Zeit und Ruhe dafür hätte.
Es dauerte ein, zwei Tage und ich begann damit im Internet nach einem Ausmalbild für ein trauriges Mädchen zu suchen und fand schnell eines das passte. Bisher hatte das traurige Mädchen noch keinen Namen. Doch ich konnte nun auch für kurze Momente mit ihr in Kontakt treten und fragte sie wie sie heißt. Sie antwortete: „Klothilde“. Ich assoziierte zu ihrem Namen, dass sie sich ungeliebt, ausgegrenzt, ausgestoßen, abgelehnt und ungewollt fühlte und sie stimmte zu. Ich hatte etwas Mitleid mit ihr, fand sie aber auch nicht wirklich sympathisch. Eher im Gegenteil.
Das ist auch sehr spannend zu beobachten und wahrzunehmen, welche Gefühle wir diesen Anteilen entgegenbringen, wenn sie sich uns zeigen. Wir dürfen diese Gefühle annehmen und brauchen sie nicht zu bewerten. Du wirst häufig bemerken, dass sie sich mit der Zeit verändern.
Das also war Klothilde:

Ein pummeliges, 15-jähriges Mädchen, das heftig weinte, nebenbei sämtliche Süßigkeiten verschlang, ihren Schmerz nicht fühlen wollte, gesehen werden wollte, aber auf keinen Fall so wie sie gerade aussah und sich fühlte.
Ich fand sie eher unsympathisch und war dankbar, dass sie dunkles, rötlich-violettes Haar hatte und mir damit immerhin kein bisschen ähnlichsah.
Ich bekam noch keinen so rechten Zugang zu ihr. Und an meinen sicheren Ort wollte ich sie auch noch nicht einladen.
Und dann gab es noch „Fetti“, für ihn suchte ich auch noch nach einem Bild im Internet und fand dort diesen süßen Kerl als ich „Fetti“ eingab:

Er stammt vermutlich aus irgendeiner Serie oder ähnlichem. Da ich die aber zum Glück nicht kenne, habe ich ihn einfach für meine Zwecke verwendet. Er gefiel mir besser als das schwabbelige Etwas, das zuerst unter seinem Namen auf meinem Unterbewusstsein aufgetaucht war. Sein Gesichtsausdruck passte perfekt und er schien mir genau der richtige Beschützer für Klothilde zu sein.
„Fetti“ – der niedliche, 5-Jährige kleine Kerl, den ich irgendwie sofort sympathisch fand und in mein Herz geschlossen hatte, beschützte nun also die 15-Jährige Klothilde. Ich freute mich, dass es ihn schon länger zu geben schien als sie und dass er anscheinend die verschiedensten Lebensmittel mochte. Auch dass er Essen grundsätzlich mit positiven Gefühlen verband, fand ich erstmal schön, auch wenn ich bemerkt hatte, dass er das Essen auch dazu nutzte sich entweder mehr oder auch weniger zu spüren.

Ich ließ „Fetti“ erstmal vor Klothilde sitzen. Jetzt wo ich einen Blick auf sie werfen durfte, durfte er sich gerne wieder schützend vor sie setzen.

So kam ich mit ihnen (vor allem mit Klothilde) fürs erste klar und entschied mich sogar noch nachzuspüren, wo sie einen Platz in meinem Inneren hatten – in der Magengegend. Wie passend!

Dann passierten verschiedene Dinge:
Zum einen wollten ich nachspüren, was mein wahres Wesen wohl für ein Essverhalten hat und welche Beziehung zum Essen.
Zum anderen meldete sich Klothilde immer wieder zu Wort, was sich vor allem in einem ziemlichen Verlangen nach Schokolade äußerte. Zuerst fand ich das gar nicht gut, wollte dann aber herausfinden, was passieren würde, wenn ich versuchte sie so anzunehmen, wie sie war und ihrem Verlangen erstmal nachgab. Sollte sie fürs erste ihre Schokolade haben – so oft und so viel sie wollte.
Ich merkte, dass ich ziemlich schnell wieder in meinem Kopf landete: wie das Essverhalten meines wahren Wesens aussah, konnte ich zwar in Worte fassen, fühlte mich damit aber nicht verbunden.
Klothilde anzunehmen, wie sie war, war dagegen gar keine so schlechte Idee. Ich beschloss mich ihr wie einem Kindergarten Kind anzunähern. Auch wenn sie schon 15 war… mir kam sie gerade nicht so vor. Dass sie mir nicht besonders sympathisch war, hielt mich nicht davon ab, ihr einen Schokoriegel nach dem anderen anzubieten. Viel mehr als sie essen wollte. Bald schüttelte sie traurig den Kopf, blickte zu Boden und meinte unter Tränen, dass sie keinen Schokoriegel mehr wolle. Überhaupt sei Schokolade nicht das, was sie eigentlich wolle. Sie wolle angenommen werden so wie sie sei. Sie sei unzufrieden mit ihrem Äußeren und auch damit wie sie sich fühle, aber auch damit möchte sie angenommen und gesehen werden. Sie wünsche sich so sehr, dass jemand wahrnehmen würde, wie es ihr wirklich gehe und ihr heraushelfen würde aus ihrer Situation. Während sie sprach, hörte ich immer mehr den unglücklichen Teenager heraus, der in ihr steckte. Und auch wenn ich weder an ihre Gefühle noch an meine im Moment richtig herankam, zeigte sich doch Verständnis und Mitgefühl für sie. Sie tat mir leid. Die Größe ihrer Schwierigkeiten überforderte mich gleichzeitig. Ich sah, dass es dauern würde, sie aus ihrer unangenehmen Situation zu befreien. Zwischendurch spürte ich in meinen Körper im Hier und Jetzt hinein und war ein wenig erleichtert, dass er sich besser anfühlte, als der Körper in dem Klothilde steckte. Doch der Nachgeschmack der Schokolade, die ich heute gegessen hatte, fühlte sich pappig im Mund an und auch der Bauch fühlte sich voll und unförmig an.
Irgendwann bemerkte ich, dass es gar kein Problem mehr war, direkt mit Klothilde in Kontakt zu sein und schaute mich nach „Fetti“ um. Er hatte sich abgewandt und als ich mich ihm zuwandte, bemerkte ich, dass sich seine Augen mit Tränen füllten. Oh nein, der arme süße kleine „Fetti“. Er war doch die ganze Zeit über so fröhlich und stark gewesen. Er meinte, er sei ja eigentlich gar nicht wegen Klothilde hier. Er habe sich ja nur schützend vor sie gestellt, weil sie so traurig war. Eigentlich gebe es ihn ja schon viel länger und nun habe er Angst, dass ich ihm das Essen wegnehmen wolle. Dabei brauche er es doch. Es mache ihn glücklich und bringe Abwechslung in sein Leben. Was habe er denn sonst? Ich fragte ihn, ob ich ihn in den Arm nehmen dürfe. Und nach kurzem Zögern, stimmte er zu.
Etwas in mir wünscht sich, dass ich jetzt sagen könnte, dass ich dadurch Zugang zu meinen Gefühlen, meinem Mitgefühl zu ihm und vielleicht auch anderen Gefühlen bekommen habe und sich dadurch alles verändert hat. Doch das wäre nicht die Wahrheit und ist meiner Erfahrung nach auch nicht der Weg auf dem Traumaintegration geschieht.
Die neuronalen Netzwerke, die sich früh gebildet haben, sind sehr solide. Du kannst sie dir wie eine sechsspurige Autobahn vorstellen. Und häufig müssen wir die Abfahrt erstmal mühsam bauen, um sie verlassen zu können. Neue neuronale Verbindungen können zwar jederzeit entstehen, doch am Anfang sind sie ein Minitrampelpfad und es wird dauern, bis wir den oft genug benutzt haben und zu einem neuen gangbaren Weg für uns ausgebaut haben.
Neuronale Netzwerke, die unter traumatischem Stress entstanden sind, sind zudem mit der Überlebensenergie geladen, die unter den traumatischen Bedingungen aufgebracht wurde, und die steckt so zu sagen noch im Körper fest. Wann und wie dein System bereit ist da dranzugehen ist unterschiedlich. Es kann durchaus sein, dass du weinen musst. Wenn du aber gelernt hast, deine Gefühle zu unterdrücken, dann kann es gut sein, dass erstmal gar nicht so viel passiert. Vielleicht bist du etwas dünnheutiger als sonst. Vielleicht sehnst du dich nach Rückzug.
Wichtig ist aber, wenn du erst einmal den Zugang zu solchen inneren Anteilen entdeckt hast, bist du in jedem Fall einen Schritt weitergekommen. Denn du kennst sie nun und sie haben sich dir gezeigt. Von nun an kannst du versuchen sie zu integrieren. Und das ist ein Prozess. Du wirst ihnen von nun an immer wieder begegnen, wenn du es zulässt. Dann kannst du dich ihnen zuwenden und versuchen herauszufinden, was sie gerade wirklich brauchen. Aufmerksamkeit, Trost, eine andere Form von Abwechslung und Spaß als Essen und dann gilt es diese Alternativen zu erproben und zu sehen, wie es dir und deinen inneren Anteilen damit geht.
Vielleicht bist du irgendwann bereit sie an deinen geborgenen Ort in deinem inneren einzuladen. Vielleicht dürfen sie dort mit den anderen inneren Anteilen zusammen sein, spielen oder sich am Feuer wärmen. Vielleicht sind sie irgendwann bereit für wirkliche Transformation, können neue Aufgaben übernehmen oder sich wandeln. Wir dürfen offen und neugierig bleiben.
Das Wichtigste ist: sie wollen gesehen werden. Denn auch für unsere inneren Anteile gilt: Sie beginnen in dem Moment zu heilen, in dem sie gesehen werden.
Anfangs kann es eine ziemliche Herausforderung sein, sie zu sehen und wahrzunehmen ohne sich mit ihnen zu identifizieren, d.h. ohne dass du plötzlich wieder denkst und handelst wie sie. Übe sie wahrzunehmen und immer wieder zu dem zu pendeln, was dein wahres Wesen, dein unversehrter Kern tun würde. Wenn du es nicht weißt, dann versuche genau das herauszufinden. Wie würde dein wahres Wesen mit Essen umgehen, welche Lebensmittel würde es wählen, in welchen Situationen würde es essen etc.
